Aufgepasst!!!

Oft ist es nur mit den Informationen so eine Sache.
Wer verbreitet sie?
Welche Quellen gibt es?
Ist es eine Falschmeldung?
Und natürlich die allseits beliebte Frage: Wem nützen sie etwas?

Nun scheint es in einer so komplexen Gesellschaft, in der wir leben, sehr bequem, wenn nicht nur die Antworten auf solche Fragen einfach sind, sondern die Bewertung gleich dazu. Das Gut/Böse-, Freund/Feind-, Richtig/Falsch-Schema wirkt verlockend. Und auch die Geschichten, die sich daraus ergeben, sind zwar nicht unbedingt einfach, zeigen aber immer auf, wer scheinbar verantwortlich für das Übel sein soll.

Wir leben in einer Gesellschaft – und gerade auch jetzt in einer Zeit, in der viele Menschen merken, dass nicht immer alles optimal für alle Menschen läuft. Die Kritik daran ist wichtig. Kritik an der Einschränkung der Grundrechte, am Umgang mit „systemrelevanten“ Berufen, an Kündigungen und Kurzarbeit, am Umgang mit Selbstständigen, an „Panikmache“ und vielem mehr. Es wirkt oft so, als würde nicht nach den Bedürfnissen der Menschen gehandelt. Aber heißt das, dass es dann einen geheimen und bösen Plan gibt, der den „guten Menschen“ schaden möchte?

Es lohnt sich, bei diesen Gedanken und Geschichten einmal mehr sich selbst einige Fragen zu stellen:
Erzeugt die Theorie, die ich gerade verfolge, ein Feindbild? Eines, das einen Einzelnen, ein paar konkrete Menschen oder eine ganze Menschengruppe in den Fokus rückt und für das Übel verantwortlich macht?
Unterteilt die Geschichte die Menschheit in gute und böse Menschen?

Wie schnell wird so eine Theorie gefährlich?
Und ja – dass Corona erfunden ist, Bill Gates oder „die Pharmaindustrie“ dahinter steckt, oder China oder 5G, das ist gefährlich.

Solche Theorien wirken besonders anziehend auf Menschen, die auf der Suche nach eindeutigen Identitätsangeboten sind.
Leider funktionieren diese Angebote fast immer durch die Abwertung anderer. Zudem sind Leute die solche Theorien glauben oder verbreiten stets auf der Suche nach jenen, die sie für alles verantwortlich machen wollen, was ihnen an der Welt falsch vorkommt. Dabei greifen sie auf Sprache und Ausdrücke zurück, die mit dem klassischen Rechtsextremismus ideologisch viel gemeinsam haben bzw. für rechtsextreme Inhalte sehr anschlussfähig sind. [1]

Am Anfang jeder Verschwörungstheorie steht immer das Misstrauen zwischen zwei gesellschaftlichen Gruppen. Bei den Verschwörern kann es sich um beliebige Personen handeln. Im Regelfall ist es aber eine mächtige Gruppe, die verdeckt in bösen Absichten handelt. Ein Beispiel sind etwa Geheimdienste, da deren Arbeit kaum durchsichtig ist.
Eine Verschwörungstheorie ist monokausal. Das bedeutet, dass bestimmte soziale Phänomene oder historische Ereignisse auf eine konkrete Verschwörung als Ursache zurückgeführt werden. Erklärungen werden dadurch vereinfacht. Hinter allen Entwicklungen der Welt steckt ein geheimer Plan: Nichts geschieht zufällig und alles scheint irgendwie miteinander verbunden zu sein. [2]

Außerdem zeigt der historische Rückblick eine erkennbare Wechselwirkung zwischen dem Zustand der Demokratie (sowohl in Bezug auf die Funktionsfähigkeit des Systems, als auch auf die Gesinnung der Bürger_innen) und dem Ausmaß des Verschwörungsdenkens der Bevölkerung: Verschwörungsdenken nimmt in unsicheren politischen Zeiten zu und wird in stabilen Demokratien zurückgedrängt. [3]


Die Kunst besteht für Hannah Arendt darin, „in der erfahrbaren Realität geeignete Elemente für seine Fiktion herauszufinden und sie so zu verwenden, dass sie fortan von aller überprüfbaren Erfahrung getrennt bleiben. (…) Dadurch wird eine Konsequenz und Stimmigkeit erreicht, mit der die wirkliche Welt und die nicht verabsolutierte Erfahrung nie und nimmer in Konkurrenz treten können. Die Hartnäckigkeit, mit der totalitäre Führer an den ursprünglichen Lügen, welche die Bewegung zur Macht gebracht haben, selbst dann festhalten, wenn ihre Absurdität voll erwiesen ist, hat wenig mit der bekannten Psychologie des Lügners zu tun.“ (Arendt 2009, S. 763)

Verschwörungstheorien schaffen vor allem eines: Feindbilder.
„In allen bisherigen Demokratien gibt es zwei Arten von Autorität: Die eine geht vom Volk aus, die andere geht von Feindbildern aus. (…) Da in allen Demokratien Konsens zu einer chronisch knappen Ressource geworden ist, kann man sagen, dass demokratische Staaten auf die nebendemokratische Zweitquelle Feindbild, aus der Zustimmung sprudelt, in besonderem Maße angewiesen sind. Feindbilder, innenpolitisch gewendet, bilden, enthalten, eröffnen Quellen außerdemokratischer, gegendemokratischer, antidemokratischer Zustimmung. Ihre Pflege ermöglicht, mit Konsens vom Konsens unabhängig zu werden. (…) Feindbilder (…) ermöglichen die Freisetzung von Demokratie mit dem Segen der Demokratie“ (Beck 1993, S. 133ff.).

[1] No World Order – Amadeo Antonio Stiftung
[2] Landeszentrale für Politische Bildung BW – https://www.lpb-bw.de/verschwoerungstheorien#c45623
[3] Freimaurertum, Zionismus und konspirative Eliten: Die Wirkung von Verschwörungstheorien auf demokratische Einstellungen, Malene Schönberger, 2017